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Mit Achtsamkeit zum Urvertrauen

Hochsensibilität im Alltag

Markus Walz

Mit Achtsamkeit zum Urvertrauen

Hochsensibilität im Alltag

Markus Walz

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Die Nase ist ein bei­nahe magi­sches Kunst­werk der Natur. Als Emp­fän­ger für Düfte ist sie beim Men­schen zwar nicht so aus­ge­prägt wie bei Hun­den, doch gelingt es ihr mühe­los, auch die Gerü­che wahr­zu­neh­men, die uns nicht bewusst errei­chen. Wenn du auf einen Men­schen triffst, hat deine Nase bereits lange her­aus­ge­fun­den, ob du ihn grund­sätz­lich sym­pa­thisch fin­dest oder nicht. Men­schen, die du »nicht rie­chen« kannst, wid­mest du weni­ger Auf­merk­sam­keit, als jenen, die dei­ner Nase als Wohl­ge­ruch erschei­nen. Die Aus­lö­ser die­ser Erkennt­nis sind Phe­ro­mone, die jeder Mensch ver­brei­tet. Sie kön­nen selbst durch stärkste Par­fums nicht unter­drückt oder über­spielt wer­den. Sie sagen dei­ner Nase, wie sehr du gene­tisch mit die­sem Gegen­über kom­pa­ti­bel bist, ob du eine ähn­li­che Abstam­mung hast und ob du dich mit dem ande­ren Geschlecht erfolg­reich paa­ren könn­test. Je stär­ker du den Ande­ren ablehnst, desto stär­ker sind die Über­ein­stim­mun­gen im gene­ti­schen Mus­ter. Nur wer deine Anla­gen ergänzt, ist für eine gesunde Fort­pflan­zung geeig­net. Natür­lich gibt dir das nur einen ers­ten Hin­weis. Danach nimmst du den Ande­ren noch in Augen­schein und hörst dir seine Stimme an. Dann ana­ly­sierst du, wie er sich bewegt und was er sagt. Dazu kom­men schließ­lich noch posi­tive und nega­tive Erfah­run­gen, die du mit »ähn­li­chen« Per­so­nen gesam­melt hast. Je mehr dir das alles gefällt, desto mehr fühlst du dich zu dem Men­schen hin­ge­zo­gen. Je weni­ger Punkte dich anspre­chen, desto weni­ger magst du ihn.

Um jeden Men­schen gibt es einen Bereich, den er als Pri­vat­sphäre ansieht. Die­ser Bereich ist in ver­schie­dene Zonen auf­ge­teilt, genauso wie der Kör­per. Je nach Anzie­hungs­kraft des Men­schen und der Sym­pa­thie, die du ihm ent­ge­gen­bringst, erlaubst du ihm, tie­fer in dei­nen pri­va­ten Bereich ein­zu­drin­gen. Zu Men­schen, die du gar nicht magst oder die nur Pas­san­ten sind, hältst du min­des­tens eine Armes­länge Abstand, eher sogar noch etwas mehr. Die­ser Bereich ist land­läu­fig auch als Dunst­kreis oder Tanz­be­reich bekannt. Men­schen, die du eini­ger­ma­ßen lei­den kannst, gibst du die Hand, also kom­men sie eine halbe Armes­länge an dich heran. Gute Bekannte, Freunde und Fami­li­en­mit­glie­der dür­fen dich sogar umar­men, Part­ner und Eltern küssen.

Genauso ver­hält es sich mit Zonen auf dei­nem Kör­per. Eltern dür­fen ihre Kin­der in jun­gen Jah­ren über­all berüh­ren, spä­ter dür­fen dies nur die Part­ner. Fami­lie darf Hände, Arme, Rücken, Beine und aus­nahms­weise auch ein­mal den Bauch oder Po berüh­ren. Freunde womög­lich nur Hände, Arme und den Rücken. Bekannte nur Hände und Arme. Fremde und unan­ge­nehme Men­schen nur die Hände oder gar nichts. Die Zonen wei­chen je nach Kul­tur von­ein­an­der ab. So umar­men sich Süd­län­der in mehr Fäl­len herz­lich und geben sich womög­lich Küss­chen auf Wange oder Stirn. Wei­ter nörd­lich wer­den die Berüh­rungs­flä­chen spärlicher.

So viel zu dei­nem Bedürf­nis. Wie sieht es nun in der Rea­li­tät aus? Was ist mit dem Ver­tre­ter, der ein­fach auf dich zu kommt und dir die Hand gibt? Was ist mit der Tante, die dich stän­dig in den Arm nimmt, fest drückt und dir einen Kuss gibt? Was ist mit dem Kol­le­gen, der dich ein­fach umarmt, ohne zu fra­gen? Was ist mit dem Kerl in der Bar, der uner­laubt den Hin­tern einer Frau berührt?

Du erin­nerst dich sicher, wie du Gren­zen fin­den kannst. Solange dir das Ein­drin­gen in dein eige­nes Revier nichts aus­macht, hast du die Grenze noch nicht erreicht. Sobald es anfängt, dir unan­ge­nehm zu wer­den, bist du dabei, deine Grenze zu übertreten.

Über­griffe wer­den oft genug aus Höf­lich­keit ein­fach nur hin­ge­nom­men und tole­riert. Durch jede ein­zelne Hand­lungs­wie­der­ho­lung wird deine Grenze immer wei­ter ein­ge­ris­sen, da du dich nach jedem Über­griff ärgerst oder dir sogar Vor­würfe machst. Beim nächs­ten Mal ziehst du dich womög­lich schon vorab zurück und setzt die Grenze inner­halb dei­nes Reviers statt im Äuße­ren. Der Ein­dring­ling nimmt dann auto­ma­tisch den Raum ein, den du ihm über­lässt. Wenn die Tante dich erst drei bis vier­mal umarmt und geküsst hat, traust du dich schon gar nicht mehr, sie dar­auf hin­zu­wei­sen, dass du das eigent­lich nicht möch­test. Genau das­selbe ist es bei dem umar­men­den Kol­le­gen und dem Kerl mit der Hand am Po. Du hast irgend­wann das Gefühl, dass du diese Situa­tio­nen jetzt nicht mehr ändern kannst, ohne dei­nen Gegen­über zu belei­di­gen. Genauso sieht der Andere aus sei­ner Warte, dass du ihm die Erlaub­nis gege­ben hast, so zu ver­fah­ren, da du ja nicht »Nein« gesagt oder dich ableh­nend ver­hal­ten hast.

Wie kommst du aus so einer Zwick­mühle wie­der heraus?

Zur Betrach­tung einer sol­chen Situa­tion ist es nütz­lich, in der Retro­spek­tive oder in der Situa­tion selbst, aus dir her­aus­zu­tre­ten und die Begeg­nung neu­tral von außen zu betrach­ten. Wie ver­hältst du dich und wie ver­hält sich der Andere. Ohne Wer­tung und ohne Emo­tio­nen ein­fach mal zuschauen, wie die Begeg­nung abläuft.

Gehen wir in Gedan­ken also mal ganz zurück an den Anfang: Die erste Begegnung.

Ein Mensch kommt auf dich zu. Du kannst ihn nicht rie­chen, er sieht komisch aus und seine Kör­per­spra­che gefällt dir nicht. Dein Instinkt rät dir dazu, ihn nicht zu nahe kom­men zu las­sen. Er streckt die Hand aus und macht nicht auf einer Armes­länge halt. Was tun? Du kannst ihm die Hand geben. Alter­na­tiv kannst du auch mit dem Kopf schüt­teln oder einen Schritt zurück gehen und sagen: »Ich gebe nicht gerne die Hand.« Dein Gegen­über wird stut­zig und dann? An die­sem Punkt siehst du dich, wie es dir im ers­ten Moment gehen würde, wenn du an sei­ner Stelle wärst. Du wür­dest solch ein Ver­hal­ten selt­sam fin­den, weil du gelernt hast, ande­ren aus Höf­lich­keit und der gesell­schaft­li­chen Norm ent­spre­chend die Hand zu rei­chen. Doch wie wür­dest du dann wei­ter reagie­ren? Dich wun­dern, nicht die Hand geben und es dir mer­ken. Genauso wird es dem Ande­ren erge­hen. Er fin­det dich viel­leicht ein wenig unkon­ven­tio­nell, doch was soll er tun? Die wenigs­ten Men­schen sind so auf­dring­lich, es dar­auf anzu­le­gen, dich anzu­fas­sen. Falls es sich um solch einen Men­schen han­delt, kannst sagen: »Ich bin emp­find­lich gegen Keime und Bak­te­rien.« Gesund­heit­li­che Aspekte zie­hen immer. Auch wenn das für den Moment geschwin­delt sein sollte. Zumin­dest machst du dir kei­nen Vor­wurf, deine Gren­zen nicht gewahrt zu haben. Im Ide­al­fall sagst du die Wahr­heit: »Ent­schul­di­gen Sie, aber ich möchte Ihnen nicht die Hand geben.« Dafür braucht es aber ein wenig Selbst­be­wusst­sein. Wenn du es hast, dann ver­fahre ein­fach so.

Beim Hän­de­ge­ben ist es bedenk­lich, wenn du dich immer und jedem gegen­über wei­gerst, die Hand zu geben. Soll­test du das Bedürf­nis haben, von nie­man­dem ange­fasst zu wer­den, kann es sich um eine Zwangs­stö­rung han­deln. Hier rate ich dazu, mit einem Fach­mann dar­über zu spre­chen. Hän­de­schüt­teln ist eine soziale Kom­po­nente, die nicht nur dem Gruß dient, son­dern eben­falls dar­auf abzielt, mehr Ver­trauen auf­zu­bauen. Ein Hän­de­druck sagt viel über den Men­schen aus.

Bei wei­ter­ge­hen­dem Ein­drin­gen in die Pri­vat­sphäre um den Kör­per herum ist eine Abwehr­re­ak­tion legi­tim und wird sehr viel ver­ständ­nis­vol­ler behan­delt. Ist der Mensch ein Freund oder Ver­wand­ter, kannst du ent­schei­den, ob du ihm so viel Ver­trauen und Sym­pa­thie ent­ge­gen­bringst, dass er dir näher kom­men darf. Doch die Tante muss dich nicht gleich umar­men und abküs­sen, wenn du das nicht möch­test. Eine Mög­lich­keit wäre, ihre bei­den Hände in deine zu neh­men und herz­lich zu drü­cken. Wenn du diese Geste eta­bliert hast, dann wird sie es als genauso herz­lich emp­fin­den wie eine Umar­mung. Wenn du die Umar­mung zulas­sen möch­test, aber nicht den Kuss, dreh ent­we­der den Kopf weg und lächle sie danach herz­lich an, oder sage ihr ein­fach, dass du nicht geküsst wer­den möch­test. Sie wird viel­leicht ver­wun­dert sein und kurz­fris­tig ein klein wenig belei­digt, doch sie wird dei­nen Wunsch respek­tie­ren. Tut sie das nicht, dann gehe ein­fach bei der nächs­ten Begrü­ßung erst mal einen Schritt zurück und sage ihr: »Ich umarme dich nur, wenn du mich nicht küsst.« Das ist dein gutes Recht. Schließ­lich sind es dein Kör­per und deine Pri­vat­sphäre. Du kannst ihr erklä­ren, dass das nichts damit zu tun hat, dass du sie nicht lieb hast. Sag ihr ehr­lich, dass es dir unan­ge­nehm ist, wenn jemand außer dei­nen Eltern oder dei­nem Part­ner dich küsst. Die Wahr­heit kann einem nie­mand übel neh­men in die­ser Bezie­hung. Tut sie es den­noch, dann ist sie ein Ego­ist, der die Umar­mung und den Kuss nur sucht, um sich selbst zu bestä­ti­gen oder eine zärt­li­che Zuwen­dung zu erzwin­gen. Dann ist es auch egal, ob du sie verärgerst.

Wenn jemand ande­res dich irgendwo berührt, wo er oder sie es nicht soll, dann sag es ihm oder ihr ein­fach. Dem Mann oder der Frau, der oder die unge­fragt dei­nen Hin­tern berührt, kannst du freund­lich sagen, er oder sie möge das las­sen, ohne Angst haben zu müs­sen, dass etwas pas­siert. In nahezu allen Situa­tio­nen wird der Betref­fende pein­lich berührt sein, dass du es öffent­lich ansprichst, denn damit wurde er eines sozial nicht aner­kann­ten Ver­hal­tens über­führt und hat zudem die Chance bei den umste­hen­den Frauen – oder sie bei den Män­nern – verspielt.

Auch bei Men­schen, bei denen du es bereits mehr­fach zuge­las­sen hast, dass sie dich unge­wollt berüh­ren, kannst du die­sen Kon­flikt noch auf­lö­sen. Fasse den Mut und erkläre ihnen, dass du es zuge­las­sen hast, da du ihnen nicht vor den Kopf sto­ßen woll­test, indem du die Berüh­rung nicht zulie­ßest. Aber die Bezie­hung zwi­schen euch werde dar­un­ter lei­den, wenn diese Berüh­run­gen fortdauern.

Mit sol­chen gedul­de­ten Berüh­run­gen ist es wie mit allem, was nervt. Die Bezie­hung zu dem Men­schen, der diese ner­vi­gen Dinge tut, wird von Mal zu Mal schlech­ter. Irgend­wann graut es dir vor dem Besuch der Tante, nur weil sie dich zu Beginn des Tref­fens umarmt und küsst, auch wenn sie sonst nett ist. Also fass dir Mut und kläre sol­che Situa­tio­nen. Die Kon­fron­ta­tion wird zwar sehr merk­wür­dig wer­den, doch befreit sie dich und nach der ers­ten ver­wun­der­ten oder belei­dig­ten Reak­tion, wirst du fest­stel­len, dass dein Gegen­über dich umso mehr respek­tiert. Durch die Abgren­zung zeigst du Pro­fil und wirst von dei­nem Gegen­über sogar mehr respek­tiert, da er mit dir nicht machen kann, wie ihm beliebt. Men­schen lie­ben Leute mit Ecken, Kan­ten und Selbstbewusstsein.

Was tun, wenn wir uns in einer Situa­tion wie­der­fin­den, in der es uns unmög­lich ist, den Abstand zu Men­schen zu wah­ren, den wir gerne hät­ten oder benötigen?

Vor­be­rei­tung ist der Schlüs­sel. Neh­men wir an, du möch­test ein Rock- oder Pop­kon­zert oder Fes­ti­val besu­chen, in einem gro­ßen Kauf­haus am Sams­tag­mor­gen bum­meln oder an einer Demons­tra­tion oder einem Volks­fest teil­neh­men. Du könn­test dir in Gedan­ken Zuhause schon eine Rit­ter­rüs­tung, einen Raum­an­zug oder eine Motor­rad­mon­tur aus Leder anzie­hen. Die Anzüge hal­ten allen Scha­den von dir fern und geben dir ein Gefühl der Sicher­heit. Die Helme bie­ten alle ein Visier, das du zuklap­pen kannst. Du kannst erst mal mit offe­nem Visier nach drau­ßen gehen und es bei Bedarf zuklap­pen, wenn dir jemand zu nahe kommt.

Dabei soll­test du dir am bes­ten Zuhause bereits vor­stel­len, wie sich das anhö­ren würde und wie sich die Wahr­neh­mung dadurch ver­än­dert. Je mehr Sinne du gedank­lich ein­bin­dest, desto leich­ter lässt sich die Vor­stel­lung nach­her abru­fen. Bei einer Rit­ter­rüs­tung klappt das Visier schep­pernd her­un­ter, viel­leicht mit einem lei­sen Quiet­schen. Das Motor­rad­vi­sier knarzt ein wenig über die Gum­mi­dich­tung und schließt sich schmat­zend. Ein Astro­nau­ten­helm schließt sich schwer­gän­gig und muss zum Schluss ver­rie­gelt wer­den. Dann strömt zischende Luft aus der Sauer­stoff-Fla­sche hinein.

So kannst du dich beru­higt zwi­schen vie­len Men­schen bewe­gen und deine Wahr­neh­mung ein­schrän­ken. Gedan­ken ver­set­zen eben doch Berge.

<Innere ener­ge­ti­sche Grenzen Äußere psy­chi­sche Grenzen>
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