Essen­zi­ell wich­tig für Hoch­sen­si­ble ist es zu wis­sen, wie sie funk­tio­nie­ren. Da bei jedem Hoch­sen­si­blen die Sinne unter­schied­lich stark ange­spro­chen wer­den, gilt es her­aus­zu­fin­den, wel­cher Sinn wie stark aus­ge­prägt ist. Nur wenn man begreift, auf wel­chen Wegen es zu Über­rei­zun­gen kommt, kann man ent­spre­chend gegen­steu­ern und die Über­rei­zung gezielt abbauen.

Über­rei­zung ist der größte Nach­teil der Hoch­sen­si­blen, an dem viele andere Effekte ankop­peln. Eine Über­rei­zung fin­det immer dann statt, wenn mehr Reize auf­ge­nom­men wer­den, wie ver­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Sie wirkt sich auf unter­schied­li­che Weise aus. Bei mir häu­fig in einer Art Völ­le­ge­fühl im Kopf und dem Bedürf­nis, mich an einen ruhi­gen, dunk­len Ort zu ver­krie­chen. Wenn meine Haut von Berüh­run­gen über­satt ist, mag ich nicht mehr berührt wer­den. Wenn meine Ohren zu vie­len Geräu­schen, wie zum Bei­spiel Gesprä­chen und Tele­fo­na­ten, aus­ge­setzt war, mag ich nichts mehr hören. Wenn ich zu viel betrach­tet oder gele­sen habe, möchte ich mit geschlos­se­nen Augen auf der Couch lie­gen und lie­ber etwas hören. Manch­mal will ich auch ein­fach nur voll­kom­mene Ruhe.

Wer­fen wir nun ein­mal einen Blick auf die Sinne, die uns zur Ver­fü­gung ste­hen.

Unser Kör­per ver­fügt über 5 Haupt­sinne, auch Sen­so­ren genannt:

  1. Sehen (visu­el­ler Sen­sor)
  2. Hören (audi­tiver Sen­sor)
  3. Rie­chen (olfak­to­ri­scher Sen­sor)
  4. Schme­cken (gusta­to­ri­scher Sen­sor)
  5. Tas­ten (tak­ti­ler Sen­sor) auch Gefühl auf der Haut, wenn man berührt wird

In der moder­nen Phy­sio­lo­gie wer­den noch 4 wei­tere Sinne genannt:

  1. Tem­pe­ra­tur­sinn (Ther­mo­re­zep­tion)
  2. Schmerz­emp­fin­dung (Nozi­zep­tion)
  3. Gleich­ge­wichts­sinn (Ves­ti­bu­lä­rer Sinn)
  4. Kör­per­emp­fin­dung und Tie­fen­sen­si­bi­li­tät (Inter­zep­tor)
    Hier geht es zum einen um das Gefühl für die inne­ren Organe (Kör­per­emp­fin­dung) und das Gespür für die Rezep­to­ren an Mus­keln, Seh­nen und in Gelen­ken (Tie­fen­sen­si­bi­li­tät). Die Tie­fen­sen­si­bi­li­tät ist für alle Bewe­gun­gen, das Grei­fen und Fest­hal­ten erfor­der­lich. Sie lie­fert Infor­ma­tio­nen über Bewe­gungs­ge­schwin­dig­keit, Lage des Kör­pers (ste­hend, sit­zend, lie­gend, usw.) und den Abstand und Lage der Glied­ma­ßen im Ver­hält­nis zum Kör­per. Tän­zer, Akro­ba­ten, Jon­gleure, Musi­ker, Seil­tän­zer, Sport­ler, Berg­stei­ger und Fahr­rad­fah­rer brau­chen eine aus­ge­prägte Tie­fen­sen­si­bi­li­tät.
  5. Ich möchte hier noch einen wei­te­ren Sinn hin­zu­fü­gen den empa­thi­schen Rezep­tor.

Diese ins­ge­samt zehn Sinne kön­nen über unter­schied­lich starke Fil­ter ver­fü­gen. Bei Nor­mal­sen­si­blen sind diese so gestal­tet, dass die für sie momen­tan unwich­ti­gen Reize der jewei­li­gen Sinne aus­ge­blen­det wer­den.

Für die ein­zel­nen Sinne könnte das wie folgt aus­se­hen.

Bei­spiel: Ein Besuch in einem Restau­rant

  1. Sehen: Wenn ich mit jeman­dem essen gehe, dann schaue ich nur meine Beglei­ter an und sehe nur ihn oder sie. Die Umge­bung darum herum ist mir voll­kom­men egal. Dar­auf ver­schwende ich kei­nen Gedan­ken, außer jemand drängt sich aktiv in mein Blick­feld. Etwa, wenn der Kell­ner das Essen vor mir abstellt.
  2. Hören: Wenn jemand mit mir spricht, dann nehme ich nur dessen/deren Worte wahr. Die rest­li­chen Geräu­sche igno­riere ich auto­ma­tisch, da sie irrele­vant sind, außer jemand ver­an­stal­tet sehr viel Lärm. Zum Bei­spiel der Kell­ner lässt ein Glas fal­len.
  3. Rie­chen: Das Essen riecht ganz wun­der­bar. Der Duft, den mein Gegen­über aus­sen­det, ist nun ver­blasst und wird vom Essens­ge­ruch über­la­gert und ersetzt. Ich nehme meis­tens nur starke Gewürze wie Chili, Curry, Mus­kat und Zimt wahr. Alles andere ver­mischt sich zu »gutem« und »schlech­tem« Geruch.
  4. Schme­cken: Das Essen schmeckt wirk­lich gut. Hawaii­pizza geht ja auch immer. Sie schmeckt ja auch bei­nahe über­all gleich, wenn nicht jemand zu viel gesal­zen oder gepfef­fert hat. Ein­zelne Nuan­cen schme­cke ich nicht her­aus, son­dern nur eine Mischung, die ich bewer­ten kann.
  5. Tas­ten: Nach dem Essen nehme ich die Hand meiner/s Partners/in an. Dessen/deren Haut fühlt sich wie Haut an. Ich mache mir keine wei­te­ren Gedan­ken dar­über.
  6. Tem­pe­ra­tur: Die Tem­pe­ra­tur ist wie in öffent­li­chen Räu­men üblich.
  7. Schmerz­emp­fin­den: Die Kopf­schmer­zen sind erträg­lich. Nach­her nehme ich eine Tablette.
  8. Gleich­ge­wicht: Mit mei­nem Gleich­ge­wicht ist alles in Ord­nung.
  9. Kör­per­emp­fin­dung: Mit mei­nen Orga­nen ist alles in Ord­nung, die Lage mei­nes Kör­pers im Raum ist sta­bil und wie erwar­tet.
  10. Empa­thie: Mei­nem Gegen­über scheint es gut zu gehen. Er/Sie äußert sich nicht zu seinem/ihrem Zustand.

Nun schil­dere ich die­selbe Szene aus Sicht eines Hoch­sen­si­blen, bei dem alle Sinne aus­ge­prägt sind. Davon gibt es wahr­schein­lich nur sehr wenige. In Wirk­lich­keit wird jede HSP nur einen Teil davon wahr­neh­men.

Bei einem Hoch­sen­si­blen sieht das womög­lich ganz anders aus:

  1. Sehen: Ich schaue mein Gegen­über an. Wäh­rend ich sei­nen Aus­füh­run­gen lau­sche, zie­hen die Gemälde an den Wän­den meine Bli­cke magisch an. Dann geht ein Kell­ner durch mein Gesichts­feld oder ein inter­es­san­ter Mensch, den ich mir genauer anschaue. Des Wei­te­ren bemerke ich die Anspan­nung im Gesicht mei­nes Gesprächs­part­ners, obwohl er von amü­san­ten Din­gen spricht. Wahr­schein­lich hat er Sor­gen, die er nicht mit mir tei­len möchte und sie des­we­gen lie­ber über­spielt. Die Bil­der sind wun­der­schön, ich frage mich, wel­che Stel­len der Welt sie abbil­den. Lei­der sind die Lam­pen hier zu hell, als dass ich mich wirk­lich wohl­füh­len könnte.
  2. Hören: Ich nehme das Gespräch wahr, in das mich mein Gegen­über ver­wi­ckelt. Am Nach­bar­tisch reden vier Män­ner über den anstren­gen­den Arbeits­tag, der hin­ter ihnen liegt und die anste­hende Fuß­ball­sai­son. Ihre Lieb­lings­ver­eine sind der HSV und Wer­der Bre­men. Hin­ter mir plant ein Pär­chen den gemein­sa­men Urlaub auf den Sey­chel­len und zwei Tische wei­ter ent­fernt tratscht ein Frau­en­club über die Ver­feh­lun­gen ihrer betrun­ke­nen Kerle auf der letz­ten Party. Zudem nervt mich das Sum­men der Kli­ma­an­lage oder das Brum­men der Hei­zung.
  3. Rie­chen: Die Hawaii­pizza riecht wun­der­bar, genauso wie die Pasta mei­nes Gegen­übers. Die Frau, die eben vom Frau­en­tisch zur Toi­lette an unse­rem Tisch vor­bei gegan­gen ist, trägt die­ses Par­fum, das ich so gerne mag. Dafür riecht der Kell­ner ein wenig nach Schweiß, kein Wun­der bei dem Stress, den er bei vol­lem Lokal hat. Wenn ich mich zum Essen über den Tel­ler beuge, steigt mir der Geruch des Pfef­fers und des Essigs in die Nase. Ich muss die Menage bei­sei­te­stel­len. In die­sem Restau­rant haben sie die Toma­ten­soße auf der Pizza Lieb­stö­ckel und Thy­mian gewürzt. Der Käse ist ein mit­tel­al­ter Gouda. Er hat einen kräf­ti­ge­ren Geruch.
  4. Schme­cken: Das Essen schmeckt toll, wie immer. Dies­mal hat es der Koch mit dem Basi­li­kum etwas über­trie­ben. Viel­leicht war das nicht mehr ganz frisch und musste weg. Ich pro­biere noch von der Pizza mei­nes Gegen­übers und stelle fest, dass auch bei sei­nen Belä­gen der mit­tel­alte Gouda tat­säch­lich bes­ser passt, als der junge. Der hat näm­lich fast kei­nen Eigen­ge­schmack. Die ver­wen­de­ten Paprika und Cham­pi­gnons sind ganz frisch, das ver­rät mir die Kon­sis­tenz. Meine Pizza war ein wenig zu lange im Ofen, wes­halb die Säure der Kom­bi­na­tion stär­ker zu Tage tritt. Außer­dem kom­men die leich­ten Röst­aro­men des dunk­len Bodens durch.
  5. Tas­ten: Meine Klei­dung fühlt sich gut an. Nichts stört mich daran. Alles ist glatt, nichts kratzt. Noch vor dem Essen fasse ich unbe­merkt das Tisch­tuch an, um mich zu ver­ge­wis­sern, aus wel­chem Stoff es gefer­tigt ist. Wahr­schein­lich Poly­es­ter, so wie es sich anfühlt. Die Ver­zie­run­gen sind auf­ge­druckt und erschei­nen nur optisch wie gestickt. Als ich die Hand mei­nes Gegen­übers nehme, fällt mir auf, dass er/sie sich die Hände dies­mal ein­ge­cremt hat. Die Haut fühlt sich viel wei­cher an, als beim letz­ten Mal. Er/Sie schwitzt leicht bei der Berüh­rung und zit­tert ein wenig.
  6. Tem­pe­ra­tur: Die Tem­pe­ra­tur ist ange­nehm, jedoch ein bis zwei Grad über mei­ner Wohl­fühl­grenze. Bei mir geht es ja nach dem Motto: Lie­ber zu kalt, als zu warm.
  7. Schmerz­emp­fin­den: Ich leide unter mode­ra­ten Kopf­schmer­zen und im lin­ken Teil des Rückens unter leich­ten Ver­span­nun­gen. Außer­dem sit­zen die Schuhe nicht rich­tig und drü­cken mir emp­find­lich gegen den Spann. Ich brau­che beque­mere Schuhe. Ich könnte dem­nächst Bauch­schmer­zen bekom­men. Eine leichte Span­nung bemerke ich bereits. Des­we­gen habe ich die leichte Pizza genom­men und nicht den Grill­tel­ler mit 5 Sor­ten Fleisch, schwe­rer Bra­ten­soße, Pom­mes und Salat.
  8. Gleich­ge­wicht: Mir ist ein wenig schwin­de­lig. Ent­we­der bahnt sich da eine Erkäl­tung an oder ich hatte zu viel Stress heute.
  9. Kör­per­emp­fin­dung: Mein Magen grum­melt ein wenig und ich spüre eine Unre­gel­mä­ßig­keit im Kreis­lauf. Mein Kör­per sitzt auf­recht und die Hände lie­gen auf dem Tisch. Ich spüre meine Füße deut­lich auf dem Fuß­bo­den.
  10. Empa­thie: Ich bemerke, dass mein Gegen­über besorgt ist. Er über­spielt es mit Humor und vor­ge­täusch­ter guter Laune. Der Kell­ner ist gestresst und weiß nicht, wo ihm der Kopf steht. Die vier Arbei­ter am Nach­bar­tisch sind frus­triert. Das Pär­chen, das in die Urlaubs­pla­nung ver­tieft ist, ist ent­spannt und nicht mehr frisch ver­liebt. Sie ken­nen sich wohl schon län­ger. Die läs­tern­den Frauen sind fröh­lich beschwingt und vol­ler Zuver­sicht. Sie genie­ßen den Abend. Als einer der Arbei­ter wütend über den Vor­ar­bei­ter schimpft, sinkt auch meine Laune. Jetzt öff­net sich mein Gegen­über und berich­tet von sei­nem Miss­ge­schick, wes­we­gen er einen schie­fen Haus­segen erwar­tet. Die Stim­mung ist ganz den Bach her­un­ter. Ich kann ihm/ihr zwar gute Tipps geben und er/sie ist erleich­tert, dafür geht es mir jetzt schlecht. Ich werde noch bis zum nächs­ten Mit­tag benö­ti­gen, die Emo­tio­nen alle abzu­bauen und zu ver­ar­bei­ten.

Wäh­rend der nor­mal­sen­si­ble Essens­part­ner erleich­tert wei­ter­zieht, um sich die halbe Nacht in der Dis­ko­thek zu ver­gnü­gen, schleppt der Hoch­sen­si­ble sich nach­hause und beschließt, gleich zu Bett zu gehen, wo er über die Erleb­nisse des Abends nach­den­ken und noch eine Stunde an die Decke star­rend wach­lie­gen wird. Erschöpft schläft er um 22 Uhr ein.

Viel­leicht haben Sie das eine oder andere wie­der ent­deckt und kön­nen es nach­voll­zie­hen.

Bei den meis­ten HSP sind 2 oder 3 Sinne erwei­tert bzw. die Fil­ter die­ser Sinne nicht so aus­ge­prägt.

<Hoch­sen­si­bel gegen emp­find­lich Das große Stau­nen> 

Sie befin­den sich mit­ten im Buch. Star­ten Sie mit dem Lesen bitte am Anfang.
Ich bitte Sie, das Vor­wort und das Kapi­tel Selbst­ent­wick­lung zu lesen, bevor Sie fort­fah­ren.

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