Gerade Hoch­sen­si­ble haben Schwie­rig­kei­ten, bei sich selbst zu blei­ben und die eige­nen Gren­zen zu erken­nen. Selbst wenn sie ihre Gren­zen ken­nen, hal­ten sie sie oft nicht ein. Eine Tau­mel­be­we­gung zwi­schen tota­lem Rück­zug in sich selbst und unge­schütz­tem Bewe­gen in Ter­ri­to­rien ande­rer ist keine Sel­ten­heit. Bei der Abgren­zung geht es um das Bewusst­sein bezüg­lich der eige­nen Gren­zen und der ande­rer Men­schen. Jeder Mensch besitzt ein Ter­ri­to­rium, das allein ihm zusteht. Das umfasst min­des­tens sei­nen Kör­per, sei­nen Geist, seine Emo­tio­nen und seine Ener­gie. Wäh­rend Geist, Emo­tio­nen und Ener­gie gren­zen­los sind, ist der Kör­per begrenzt. Er ist der Anker im Hier-und-Jetzt. Um ihn herum ver­ste­hen wir einen Radius von min­des­tens einer Arm­länge als unse­ren Intim­be­reich. Hier dür­fen im Nor­mal­fall nur wenige, aus­ge­suchte Men­schen ein­drin­gen.

Wie ver­stehst du das Wort Abgren­zung?

Denkst du dabei an eine Mauer oder einen hohen Zaun, zum Aus­sper­ren von Men­schen, die dich ver­let­zen könn­ten? Oder denkst du eher an einen Schild, den du vor dir her­trägst oder eine Rit­ter­rüs­tung, die dich schützt? Wenn du nur so denkst, dann wapp­nest du dich ledig­lich davor, deine Gren­zen nach außen zu ver­tei­di­gen. Doch denkst du auch daran, die Gren­zen ande­rer zu respek­tie­ren? Oder über­schrei­test du sie gerne mal, um von ihnen zu bekom­men, wonach dich gelüs­tet oder ihnen zu hel­fen oder ihnen Gutes zu tun? Über­schrei­test du auch die Gren­zen, die du dir selbst setzt und schaust zu lange fern oder ver­gisst beim Lesen die Zeit? Setzt du dir über­haupt selbst Gren­zen? Wo genau lie­gen deine Gren­zen in den ein­zel­nen Berei­chen? Kannst du sie prä­zise defi­nie­ren? Weißt du immer schon vor­her, wenn du dich dei­nen Gren­zen näherst? Weißt du vor­her, wenn andere deine Gren­zen über­schrei­ten wer­den? Weißt du vor­her, wo die Gren­zen ande­rer ver­lau­fen? Oder weißt du erst dann, wo eine Grenze ver­läuft, wenn sie über­schrit­ten wurde? Du folgst da eher dei­nem Instinkt? Dann weißt du es also nicht genau?

Das ist meist das Pro­blem. Das Thema Abgren­zung wird unter­schätzt, falsch inter­pre­tiert oder ganz igno­riert. Irgend­wie wursch­telt man sich schon durch. Ist doch eine ganz natür­li­che Sache! Brauch ich nicht ler­nen!

Weit gefehlt!

Wenn du nicht genau weißt, wo deine Gren­zen auf allen Ebe­nen ver­lau­fen, dann kommt es häu­fi­ger zu Grenz­ver­let­zun­gen. Denn du kannst ja nicht kom­mu­ni­zie­ren, dass hier jetzt gerade eine dei­ner Gren­zen liegt.

Jetzt fragst du dich viel­leicht, wo eigent­lich über­all Gren­zen lie­gen kön­nen. Es gibt vier Berei­che, sowohl im Inne­ren als auch im Äuße­ren, in denen du deine Gren­zen ken­nen soll­test:

  • • Innere Gren­zen (dir selbst gegen­über)
  • • Äußere Gren­zen (ande­ren gegen­über)

Jeweils:

  • • Kör­per­li­che Gren­zen
  • • Psy­chi­sche Gren­zen
  • • Emo­tio­nale Gren­zen
  • • Ener­ge­ti­sche Gren­zen

So viele? Das ist doch viel zu viel, um es zu ler­nen!

Nein, ist es nicht. Viele Gren­zen wirst du schon gesteckt oder zumin­dest erkannt haben. Zum Bei­spiel beim Ver­zehr bestimm­ter Lebens­mit­tel, wie lange du spa­zie­ren gehen kannst, wann dir zu warm oder zu kalt ist. Das sind die ein­fa­chen Gren­zen. Dein Kör­per zeigt sie dir genau.

Wo fängt man am bes­ten an, um die rest­li­chen Gren­zen zu erschlie­ßen?

Man beginnt zunächst mit den ein­fa­chen Din­gen. Finde deine Mitte und ver­binde Geist und Kör­per, um dich im Hier-und-Jetzt zu ver­an­kern und zu erden. Erdung ist ein wich­ti­ges Lern­ziel.

Aus dei­nem inne­ren Zen­trum her­aus kannst du dann lang­sam deine Gren­zen aus­lo­ten. Keine Angst, du musst dazu nicht unbe­dingt Bun­gee Jum­ping machen, Fall­schirm­sprin­gen oder Steil­wände erklim­men, wenn dir das nicht liegt.

Wie man sein Zen­trum fin­den kann:

Eine Mög­lich­keit, dein Zen­trum zu fin­den, möchte ich dir im Fol­gen­den vor­stel­len.

Für eine gute Erdungs­übung soll­test du zuerst ein­mal die Bedürf­nisse dei­nes Neu­ge­bo­re­nen-Ichs befrie­di­gen. Hun­ger und Durst soll­ten gestillt sein, du soll­test aus­ge­ruht sein und kei­nen kör­per­li­chen Drang ver­spü­ren. Weder Harn­drang noch Bewe­gungs­drang oder Ähn­li­ches.

Dann kannst du die im Kapi­tel beschrie­bene »Ste­hen­der Baum-Medi­ta­tion« durch­füh­ren. Sie dau­ert nicht lange.

Egal, ob du an Ener­gie­ar­beit glaubst oder nicht, nach der Übung fühlst du dich allein durch die Kon­zen­tra­tion auf dich und dei­nen Kör­per erfrischt und ent­spannt. Als Neben­ef­fekt hast du nun den Platz in dir gefun­den, der dein Zen­trum dar­stellt. Des Wei­te­ren wirst du fest­stel­len, dass du mehr im Hier-und-Jetzt ver­an­kert bist. Du eilst mit den Gedan­ken nicht mehr weit vor­aus oder hängst auch nicht alten Erin­ne­run­gen nach. Deine Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit sollte sich schlag­ar­tig ver­bes­sert haben. Wenn du den Teil mit der Ent­span­nung der Mus­ku­la­tur über­springst, kannst du mit der Tech­nik der Ener­gie­auf­nahme inner­halb von Minu­ten neue Kraft schöp­fen. Aller­dings wird hier­bei die Erdung nicht so stark erfol­gen, die sich durch die auf dei­nen Kör­per gerich­tete Acht­sam­keit erst rich­tig ein­stellt. Anstatt dich auf dei­nen Kör­per zu kon­zen­trie­ren, kannst du ein­fach bewusst tief ein- und aus­at­men, wäh­rend du die Kör­per­hal­tung des Ste­hen Baums ein­nimmst. Die Atemm­edi­ta­tion ver­an­kert dich genauso im Kör­per.

Eine wich­tige Erkennt­nis ist die Annahme dei­ner Begrenzt­heit. Geist, Emo­tio­nen und Ener­gie sind prak­tisch unbe­grenzt. Nichts ist im Uni­ver­sum so reich­hal­tig vor­han­den wie Ener­gie. Sie ist schier end­los und kann nicht ver­braucht, son­dern nur trans­for­miert wer­den. Gedan­ken sind gren­zen­los, da sie sowohl im Raum als auch in der Zeit über­all­hin rei­sen kön­nen. Und deine Emo­tio­nen wer­den nicht ver­sie­gen, solange dein Kör­per exis­tiert. Die Seele kennt sowieso keine Gren­zen. Nur dein Kör­per wird müde, braucht Nah­rung, muss bewegt und gepflegt wer­den. Er kann krank oder beschä­digt wer­den. Und er befin­det sich immer in der Gegen­wart an einem ein­zi­gen Ort. Er hat klar umris­sene Gren­zen, die er dir deut­lich mit­teilt.

Jede aus­ge­lebte Gren­zen­lo­sig­keit in der einen Ebe­nen führt dich an die Gren­zen der ande­ren Ebe­nen oder noch schlim­mer: dar­über hin­aus. Wenn du dich in Gedan­ken­pa­läs­ten her­um­treibst oder durch den Kon­takt mit ande­ren Men­schen oder den Kon­sum von Büchern oder Bewegt­bil­dern in dei­ner Emo­tio­na­li­tät schwelgst, wirst du zwangs­läu­fig dei­nen Kör­per ver­nach­läs­si­gen. Wenn du nur kör­per­li­chen Betä­ti­gun­gen nach­gehst, viel Sport treibst, dich kör­per­lich ver­aus­gabst, wirst du geis­tig abbauen, da dein Geist keine neue Nah­rung bekommt. Soll­test du nur dei­nen Gedan­ken nach­hän­gen oder dei­nen Geist beschäf­ti­gen, ver­nach­läs­sigst du dei­nen Kör­per und viel­leicht auch deine Emo­tio­nen.

Die Höhen­flüge auf der einen Seite, äußern sich durch Man­gel­er­schei­nun­gen auf der ande­ren Seite. Deine drei Ichs wer­den ihre Bedürf­nisse jeweils vehe­ment ein­kla­gen. Es wird dich jede Menge Ener­gie kos­ten, wenn du sie igno­rierst. Irgend­wann gelingt dir das Igno­rie­ren nicht mehr und du stellst fest, dass dir alles zu viel gewor­den ist. Dann ziehst du dich womög­lich für Stun­den oder Tage in dein kusche­li­ges Wohn- oder Schlaf­zim­mer zurück, um wie­der ins Gleich­ge­wicht zu gelan­gen. Hier bist du so tief inner­halb dei­ner Gren­zen, dass du unter­for­dert wirst. Bald brauchst du wie­der die Sti­mu­la­tion, um einen Sinn im Leben zu sehen. Diese Pen­del­be­we­gung kannst du unter­bre­chen, indem du dir selbst deine Begrenzt­heit vor Augen führst, dir bewusst Gren­zen setzt und dich auch an diese hältst.

Die inne­ren und äuße­ren Gren­zen ver­lau­fen immer flie­ßend. Solange du nur allein bist und frei ent­schei­den kannst, wann du eine Grenze für dich erreicht hast, ist es noch rela­tiv ein­fach sie zu ach­ten. Sobald du jedoch mit ande­ren Men­schen zusam­men bist, musst du die Grenze kom­mu­ni­zie­ren und even­tu­ell sogar ver­tei­di­gen.

Ein Bei­spiel: Du sitzt gemüt­lich alleine abends vorm Fern­se­her und merkst, dass du müde wirst. Deine Ener­gie für den Tag ist auf­ge­braucht. Hin und wie­der gähnst du schon. Du ent­schei­dest, dass die Sen­dung zwar inter­es­sant und es gerade so gemüt­lich auf dei­nem Sofa ist, doch du machst doch lie­ber Schluss und gehst zu Bett. Die Grenze ist erkannt und ein­ge­hal­ten.

Die glei­che Situa­tion mit ande­ren Men­schen um dich herum ver­läuft ganz anders: Du sitzt bei Freun­den und ihr schaut zusam­men eine Sen­dung im Fern­se­hen. Die Sen­dung wird noch etwa eine Stunde dau­ern. Du bemerkst, dass deine Ener­gie für den Tag sich dem Ende zuneigt und du ins Bett möch­test. Dein Heim­weg dau­ert noch zwan­zig Minu­ten. In einer hal­ben Stunde könn­test du bereits im Bett lie­gen. Die Stim­mung ist gerade schön. Du weißt, dass du Unruhe in die Runde brin­gen wirst, wenn du jetzt auf­brichst. Doch wenn du die Stunde noch bleibst, wirst du erst in neun­zig Minu­ten im Bett lie­gen. Eher noch spä­ter, weil ihr nach­her über die Sen­dung reden wer­det. Du weißt genau, dass sich das am nächs­ten Mor­gen bemerk­bar machen wird. Der nächste Tag wird sich schwie­ri­ger gestal­ten. Du über­legst durch­zu­hal­ten. Doch eigent­lich ist das nicht sinn­voll, da du ja auch fit genug für die Heim­fahrt sein musst. Jetzt ist der Punkt gekom­men, deine Grenze im Inne­ren zu zie­hen und sie nach außen zu wah­ren. Du kün­digst an, dass du jetzt los­fah­ren wirst, weil du sehr müde bist. Einige dei­ner Freunde beti­teln dich als Spaß­bremse oder schlim­me­res. Nun bist du gezwun­gen, deine Grenze nach außen zu ver­tei­di­gen. Du erklärst, dass du gerne noch blei­ben wür­dest, der Tag jedoch anstren­gend war und du wirk­lich ins Bett musst, um den mor­gi­gen Tag gut über­ste­hen zu kön­nen. Du kannst noch hin­zu­fü­gen, dass es nichts mit den Freun­den oder der Sen­dung zu tun hat. Wenn dir wei­tere Über­re­dungs­ver­su­che ent­ge­gen­schla­gen, musst du stand­haft blei­ben, sonst neh­men deine Freunde den Raum ein, den du ihnen frei­wil­lig über­las­sen hast. Beim nächs­ten Mal wer­den sie wie­der ver­su­chen, deine Grenze auf­zu­wei­chen und dich zum Blei­ben zu über­re­den. Da es ein­mal geklappt hat, wer­den sie ihre Anstren­gun­gen ver­dop­peln. Hast du durch­ge­hal­ten, ver­ab­schie­dest du dich und gehst.

Im End­ef­fekt wirst du nicht als Spiel­ver­der­ber hin­ge­stellt. Im Gegen­teil: Die Freunde, die auch gehen woll­ten, sich aber nicht getraut haben, ihre Gren­zen zu ver­tei­di­gen, wer­den sich anschlie­ßen und dir dank­bar sein. Der Rest akzep­tiert dein Bedürf­nis und wird dir viel­leicht vom Aus­gang der Sen­dung berich­ten. Beim nächs­ten Mal kannst du sie sogar dar­auf vor­be­rei­ten, dass du even­tu­ell nicht den gan­zen Abend durch­hal­ten wirst. Da sie froh sind, dass du über­haupt an den gemein­schaft­li­chen Tref­fen teil­nimmst, wer­den sie das akzep­tie­ren.

Den inne­ren Schwei­ne­hund besie­gen und sich Gren­zen set­zen, ist schon schwer genug. Diese dann aber auch noch gegen­über ande­ren zu ver­tei­di­gen ist die eigent­li­che Kunst.

In die­sem Bei­spiel haben wir auch gleich gese­hen, wo die meis­ten Gren­zen lie­gen: dort, wo es dir gerade noch gut mit der Situa­tion geht und du keine Nach­teile ver­spürst. Sobald du dich nicht mehr gut fühlst, hast du eine Grenze über­schrit­ten.

Warum soll­ten wir nicht immer ein wenig Abstand zu unse­ren Gren­zen hal­ten, so dass wir erst gar nicht an sie heran gelan­gen?

Den Über­tritt der Gren­zen nach außen und die Kon­se­quen­zen sind wohl jedem klar. Der stän­dige Auf­ent­halt im inne­ren Bereich dei­ner Gren­zen (der Kom­fort­zone) ver­hin­dert, dass du dich wei­ter­ent­wi­ckeln kannst. Dies ist jedoch ein Grund­be­dürf­nis aller Men­schen und ins­be­son­dere von Hoch­sen­si­blen. Du wirst per­ma­nent unter­for­dert und lang­weilst dich. Weil du dem Bedürf­nis zur Ent­wick­lung nicht nach­kommst, baust du zusätz­li­chen inne­ren Druck auf. Das erzeugt Stress. Bezo­gen auf die Mus­ku­la­tur gibt es hierzu ein gut nach­voll­zieh­ba­res Bei­spiel. Wenn du zu viel Sport treibst und trai­nierst, dann bekommst du Mus­kel­ka­ter oder ver­letzt dich sogar (z. B. Mus­kel­fa­ser­riss). Fährst du jedoch das Trai­ning bis auf ein Mini­mum her­un­ter, weil du dir dei­ner Gren­zen nicht sicher bist, dann ver­küm­mern deine Mus­keln und du wirst schwach. Dann machst du dir des­we­gen Selbst­vor­würfe und schränkst dich ein, weil du nicht mehr so fit bist. Des­we­gen ist es wich­tig, deine Gren­zen aus­zu­lo­ten. Bis wohin kannst du trai­nie­ren, ohne Mus­kel­ka­ter zu bekom­men? Das dient aber nur dem Erhalt. Was pas­siert, wenn du heute mal ein klei­nes Quänt­chen wei­ter gehst? Dann wach­sen deine Mus­keln wie­der ein klein wenig und du kannst dich wei­ter­ent­wi­ckeln. Am nächs­ten Tag legst du noch eine Klei­nig­keit drauf und stellst fest, dass du deine Grenze bereits aus­ge­dehnt hast. So kommst du lang­sam an den Punkt dei­ner vol­len Ent­fal­tung. An die­sem Punkt fällt es dir auch nicht mehr schwer, die erreichte Mus­kel­masse auf­recht­zu­er­hal­ten. Jetzt erst bist du an dei­ner natür­li­chen Grenze ange­langt. Alles dar­über hin­aus­ge­hende wäre eine Über­for­de­rung.

Zusam­men­ge­fasst bedeu­tet dies: Halte dich nicht zu weit außer­halb dei­ner Gren­zen auf, um dich nicht zu über­for­dern. Ziehe dich nicht zu lange in das Zen­trum dei­nes Reviers zurück, sonst unter­for­derst du dich.

Jede Grenze liegt dort, wo es dir am bes­ten geht. Wenn das posi­tive Gefühl für die Sache oder die Ein­stel­lung beginnt zu ver­sie­gen, ist die Grenze bereits über­schrit­ten.

Innere Gren­zen fin­den

Wenn du dich geer­det und in dein Zen­trum zurück­ge­zo­gen hast, dann wage dich so schnell, wie mög­lich wie­der dar­aus her­vor und suche dir einen Umstand aus, der dich schon lange nervt. Zum Bei­spiel, dass du nicht mehr auf­hö­ren kannst zu naschen, wenn du ein­mal ange­fan­gen hast. Oder, dass du nicht mehr auf­hö­ren kannst, TV zu schauen, wenn du das Gerät erst mal ein­ge­schal­tet hast. Auch Tag­träu­men nach­hän­gen, die dich von ande­ren Din­gen abhal­ten und viel zu lange in sozia­len Netz­wer­ken stö­bern oder Com­pu­ter­spiele spie­len gehö­ren dazu. Such dir einen Umstand aus, bei dem du keine Gren­zen zu ande­ren Men­schen berührst, son­dern nur deine inne­ren. Dann führst du die Tätig­keit aus und bleibst acht­sam. Es gibt einen Punkt, an dem der Ener­gie­ge­winn, den du durch diese Tätig­keit erreichst, umschlägt in einen Ener­gie­ver­lust. Wenn du zu viel Scho­ko­lade geges­sen hast, wird dir schlecht. Wenn du zu lange TV schaust, tun dir die Augen weh. Wenn du zu lange Com­pu­ter spielst, wirst du ner­vös. Nun gehe in dei­ner Acht­sam­keits­er­in­ne­rung einen Schritt zurück. An dem Punkt, wo es dir mit dei­ner Tätig­keit noch sehr gut ging, aber du bereits gemerkt hast, dass das nicht mehr lange so blei­ben wird, liegt deine Grenze. Bei mir ist das bei Scho­ko­lade so etwa bei 75 Gramm. Oder beim TV schauen bei 50 Minu­ten, beim Inter­net sur­fen bei etwa 30 Minu­ten und beim Tag­träu­men bei etwa einer Stunde. Natür­lich geh ich auch immer mal wie­der über meine Gren­zen, doch dann ist mir bewusst, dass ich es tue. Weißt du vor­her, dass du deine Gren­zen über­schrei­ten wirst, kannst du ja zum Bei­spiel einem 180-Minu­ten-Kino­film einen Spa­zier­gang ein­pla­nen. Oder du räumst die Woh­nung auf und rege­ne­rierst dich durch Bewe­gung.

Je acht­sa­mer du mit dir selbst umgehst und bewusst bei dir bleibst, desto schnel­ler fin­dest du deine Gren­zen.

Ein sehr gutes Bei­spiel ist das Essen. Wenn du eine Mahl­zeit zu dir nimmst, dann lasse dich nicht ablen­ken durch TV, Radio, die Tages­zei­tung, ein Buch oder dein Smart­phone. Sei ganz bei dei­nem Essen und genieße es. Sobald du acht­sam isst, wirst du fest­stel­len, dass du mehr schmeckst, lang­sa­mer isst, mehr kaust und ent­spann­ter bist. Außer­dem wirst du ins­ge­samt weni­ger essen und län­ger satt blei­ben. Psy­cho­lo­gi­sche Stu­dien haben gezeigt, dass die Menge an Nah­rung, die unbe­wusst – also unter Ablen­kung – ver­speist wird, nicht kor­rekt vom Gehirn wahr­ge­nom­men wird. Du isst mehr und das Gehirn sagt nach kür­ze­rer Zeit, dass es wie­der Zeit für Nah­rung sein müsste. Hörst du auf dei­nen Appe­tit, statt auf den hung­ri­gen Bauch, isst du dann bereits die nächste Mahl­zeit. Ver­hee­rend ist dies zum Bei­spiel bei Knab­be­reien vor dem Fern­se­her, beim Com­pu­ter­spie­len oder im Kino. Dort ist dein Gehirn von der Ablen­kung regel­recht gefes­selt und ach­tet nicht dar­auf, dass der Kör­per etwas zu sich nimmt. Plötz­lich ist die Ver­pa­ckung leer und du weißt nicht so recht, ob du das wirk­lich alles selbst ver­speist hast.

Wenn du eine Grenze gefun­den hast, kannst du ihre Ein­hal­tung trai­nie­ren, indem du dir Zeit­li­mits mit einem Wecker oder Timer stellst und auch wirk­lich auf das Klin­geln hörst und deine Tätig­keit ein­stellst. Für Men­gen­ein­hal­tun­gen soll­test du dir ein­fach eine Waage und eine Schale holen, die du immer dann benutzt, wenn es um Süßig­kei­ten, Mahl­zei­ten oder Obst und Gemüse geht. Oder eine bestimmte Glas­größe für kof­fein- oder zucker­hal­tige Getränke. Benutze am bes­ten immer das­selbe Behält­nis, denn es wird mit der Zeit für den Kör­per und deine Acht­sam­keit selbst zu einem Signal. »Das ist die Nasch­schüs­sel, jetzt sind Auf­merk­sam­keit und Acht­sam­keit gefor­dert.«

Schreib dir deine Gren­zen in ein klei­nes Notiz­buch, wenn du befürch­test, auf eine zu sto­ßen und sie dir nicht mer­ken zu kön­nen.

Äußere Gren­zen fin­den

Die Gren­zen nach außen hin, zu ande­ren Men­schen oder Tie­ren, fin­dest du ebenso mit Acht­sam­keit und zusätz­lich Empa­thie.

Wenn du etwas sagst oder tust, dass andere selt­sam reagie­ren lässt, hast du wahr­schein­lich deren Grenze bereits über­schrit­ten. Anders­herum fühlst du dich unwohl, wenn andere deine Gren­zen über­schrei­ten. Wie bemerke ich nun, wo meine Gren­zen lie­gen, bevor jemand sie durch­bricht?

Es ist das­selbe, wie mit inne­ren Gren­zen. Achte dar­auf, wie lange es dir mit einer Situa­tion gut geht. Sobald du anfängst, dich unwohl zu füh­len, nähert sich jemand dei­nen Gren­zen. In sol­chen Fäl­len soll­test du dem­je­ni­gen ganz klar deut­lich machen, dass hier eine Grenze für dich erreicht ist. Das ist wich­tig, denn nicht jeder ver­steht deine Anspie­lun­gen oder kör­per­li­chen Reak­tio­nen.

Ebenso hilft dir deine Empa­thie, zu spü­ren, wie wohl sich dein Gegen­über fühlt. Wird er unru­hig oder ver­än­dert sich sein Aus­druck? Begibt er sich in eine Abwehr­hal­tung oder zieht er sich zurück?

Hier soll­test du Abstand wah­ren, auch wenn der­je­nige nichts geäu­ßert hat. Das gilt sowohl im kör­per­li­chen als auch im kom­mu­ni­ka­ti­ven und geis­ti­gen Sinn.

Bei­spiel:

Du unter­hältst dich mit einem Kol­le­gen, den du nicht so oft triffst. Er mag dich sehr gerne, und da ihr zusam­men lacht, kommt er immer näher an dich heran. Dir wird mul­mig, denn du magst es nur, wenn Men­schen, die du gut kennst, in dei­nen Tanz­be­reich kom­men. Als er nur noch einen hal­ben Schritt ent­fernt ist, weichst du zurück. Dabei kannst du schon sagen: »Du, sei mir nicht böse, aber ich brau­che immer ein wenig Abstand.« Der Kol­lege wird das Bedürf­nis respek­tie­ren. Wenn nicht, werde deut­li­cher und mache ihm klar, dass du gehen wirst, wenn er deine Grenze nicht respek­tiert.

Nach­dem ihr euer Gespräch zu Ende geführt habt, kommt eine Kol­le­gin zu dir, die du eben­falls nur alle paar Wochen siehst. Dein letz­ter Wis­sens­stand war, dass ihr Hund ope­riert wer­den musste. Nach­dem ihr eure beruf­li­che Ange­le­gen­heit geklärt habt, unter­hal­tet ihr euch und du fragst nach dem Gesund­heits­zu­stand ihres Haus­tiers. Als sie spon­tan das Thema wech­selt, kannst du dir den­ken, dass sie dar­über nicht spre­chen will. Du respek­tierst ihre Grenze und wech­selst mit zum neuen Gesprächs­ab­schnitt.

In bei­den Fäl­len füh­len sich alle Par­teien wohl. Der Kol­lege ist froh, weil er nun weiß, dass du Nähe nicht schätzt und dein Zurück­wei­chen nichts mit ihm per­sön­lich zu tun hat. Deine Kol­le­gin ist dir dank­bar, weil du sie nicht mit einem unan­ge­neh­men Thema gelö­chert hast. Du fühlst dich wohl, weil im ers­ten Fall deine Grenze respek­tiert wurde und du im zwei­ten kein Fett­näpf­chen erwischt hast, son­dern gerade noch so daran vor­bei­ge­schlit­tert bist.

<Ein­füh­rung Abgren­zung Innere phy­si­sche Gren­zen>

Sie befin­den sich mit­ten im Buch. Star­ten Sie mit dem Lesen bitte am Anfang.
Ich bitte Sie, das Vor­wort und das Kapi­tel Selbst­ent­wick­lung zu lesen, bevor Sie fort­fah­ren.

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